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Gemeinsam gegen häusliche Gewalt – Film und die Kampagne "Schaust Du hin?" PAPATYA richtet Koordinationsstelle gegen Verschleppung ein Im Gedenken an Hatun Sürücü Feo Aladag, Regisseurin des Films „Die Fremde”

 

papatya - anonyme Kriseneinrichtung für Mädchen und junge Frauen mit Migrantionshintergrund
Mädchen mit Mütze Mädchen mit Kopftuch lachendes Mädchen Mädchen mit Kaffetasse lachendes Mädchen Mädchen mit Schleier

IM GEDENKEN AN HATUN SÜRÜCÜ
Hatun hätte die Geschichte einer ganzen Familie zum Positiveren wenden können.

Doch wurde sie umgebracht, weil sie zurück ging, weil sie vorwärts ging, weil sie… "Deutsche" war oder wurde?

Ich kannte sie nicht, doch ich glaube, wir wären vielleicht Freunde geworden. Vielleicht solche Freunde, wie ich es heute mit anderen jungen Frauen bin. Junge Frauen, die mit ihrer Tradition, der Religion, kurz: der Familie gebrochen haben. Man sieht es uns nicht an, wenn wir in unseren Kleidern oder Blaumännern, der Hochsteckfrisur oder dem Bob durch die Straßen gehen, um ins Kino, zu Freunden oder gar zum Partner/zur Partnerin zu gelangen. Vielen von uns war das eine gefühlte Ewigkeit lang unmöglich gewesen; und eines Tages, da war die Ewigkeit vorbei: bei manchen ging es schnell, manche mussten warten, manche brauchten zwei drei Anläufe, bis sie endlich eine Zukunft fanden.

Ich lebe selbstbestimmt in der von mir gewählten Zukunft. Ich habe ein Leben hinter mir gelassen, ich musste meine Familie verlassen, eine Sprache neu sprechen lernen, mich lieben lernen und gleich noch selber erziehen, noch mal oder erst so richtig pubertieren.

Ich wachse – immer weiter. Wir wachsen stellvertretend für unsere Vergangenheit, Traditionen und Familien. Ich glaube, wir sind die Reform. Und ich finde, wir, die jungen Frauen, sollten mehr von uns erzählen, von unserer Vielfalt, unserem Denken, unserem Fühlen und den Wünschen und Ängsten.

Wir gestalten, in dem wir einen Schritt weiter als unsere Väter und Brüder, Mütter und Schwestern wagen.

Und wir können die Zukunft sehen, weil wir sie gestalten. Ich möchte ein Teil dieser Zukunft bleiben, mit meinen Freundinnen und Gleichgesinnten, vielleicht auch meiner kleinen Schwester, die noch bei meiner Familie lebt.

Wir sind keine Opfer mehr, wir erbringen Opfer, damit es unseren (eigenen?) Kindern gut geht, damit eine solche Tat wie ein Ehrenmord nicht mehr in der Zeitung steht, Gewalt in der Familie gegen Frauen nicht mehr Alltag ist. Damit kein schönes, kostbares Leben verloren geht. Unsere Nachnamen, mit und ohne Bindestrich, werden an ein Stück weit freiere Menschen gehen. Mit Hatun, so möchte ich meinen, liegt auch ein Teil von uns begraben, doch der andere Teil lebt weiter…. um zu schaffen.

Hoda, Berlin, Februar 2014