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papatya - anonyme Kriseneinrichtung für Mädchen und junge Frauen mit Migrantionshintergrund
Mädchen mit Mütze Mädchen mit Kopftuch lachendes Mädchen Mädchen mit Kaffetasse lachendes Mädchen Mädchen mit Schleier

Eine Frage der Ehre?

Von Eva Kultus

„Mir kann keiner helfen, ich komme aus einer arabischen Familie und habe 5 Brüder” äußerte ein 15jähriges Mädchen resigniert auf einer öffentlichen Veranstaltung in Berlin zum Thema „Schutz vor häuslicher Gewalt”.

Auch der jungen Frau Hatun Sürücü konnte keiner helfen, ebenso nicht Semra Uzun, beide in Berlin in den letzten Monaten von Familienmitgliedern ermordet. Beide als minderjährige Jugendliche zwangsverheiratet, beide aus der verhassten Ehe geflohen und geschieden, beide von ihren Familien deswegen geächtet und verstoßen. Berlin hat in den letzten Monaten traurige Berühmtheit wegen der gehäuften Zahl von Ehrmorden erlangt. Das sind keine Einzelfälle, das gleiche kann jederzeit und überall in Deutschland oder in anderen europäischen Ländern passieren. Allein 40 Fälle von Verbrechen im Namen der Ehre in Deutschland innerhalb der letzen 8 Jahre hat PAPATYA dokumentiert.

Nicht immer muss die Familienehre durch Tod wieder hergestellt werden, in unserem Alltag in der Kriseneinrichtung PAPATYA für junge Migrantinnen geht es glücklicherweise nicht ganz so dramatisch zu. Trotzdem haben auch wir bzw. die Mädchen und jungen Frauen, die bei uns Zuflucht und Schutz suchen, mit den Folgen dieses anachronistischen und aus dem patriarchalischen Stammesdenken herrührenden Ehrbegriffs zu kämpfen.

Seit fast 20 Jahren existiert die Zufluchtswohnung und bot in dieser Zeit mehr als 1200 Mädchen und jungen Frauen im Alter zwischen 13 und 21 Jahren Schutz und Hilfe vor familiärer Gewalt. Der überwiegende Teil der Mädchen ist türkischer Herkunft, entsprechend dem Anteil an Migranten in Deutschland, aber sie kommen auch aus arabischen Familien, Iran, Pakistan, sind Muslima oder Roma aus Ex-Jugoslawien , Christinnen oder Muslima aus Sri Lanka oder Afrikanischen Staaten.

Sie flüchten vor Gewalt in der Familie, Schlägen, sexuellem Missbrauch, Zwangsverheiratung, Eingesperrt sein und permanenter Kontrolle. Wenn sie weglaufen, treibt sie oft der Mut der Verzweiflung an. Sie wissen nicht, wie es weiter gehen soll, sie haben mitunter Todesangst vor ihrer Familie und sie kommen häufig nur mit dem, was sie auf dem Leib tragen. Im letzten Jahr waren rund 50% der Mädchen und jungen Frauen, die zu uns kamen, von Zwangsverheiratung bedroht oder bereits verheiratet worden, meist mit einem Familienangehörigen, in den Augen der Familie vorzugsweise mit dem Cousin. In den Gesprächen mit den Mädchen wird deutlich, dass sie kaum eine Chance hatten, sich innerhalb der Familie zu widersetzen, in diesen Familien gibt es keine Kommunikation zwischen Eltern und Kindern, der Vater bestimmt, und die Tochter muss gehorchen, Mutter und Brüder sorgen für die Umsetzung. Oft haben die jungen Frauen noch nicht einmal gewagt nein zu sagen, und wenn sie es taten, wurde es ignoriert. Da die Eltern genauso verheiratet wurden, gibt es auch überhaupt kein Unrechtsbewusstsein diesbezüglich. Die Eltern sind von der Sorge getrieben, die Tochter könne die Ehre der Familie beschmutzen, wenn sie mit einem jungen Mann in der Öffentlichkeit gesehen würde, wenn sie einen Freund hätte, und gar - der Supergau- womöglich keine Jungfrau mehr wäre. Also wird dieser Schatz, der bis zur Ehe zu hüten ist, weggeschlossen, auf Schritt und Tritt beobachtet und der Kontakt zur Außenwelt auf ein Minimum, wie den Schulbesuch, beschränkt. Wenn nun das Mädchen rebelliert, es nicht mehr aushält und heimlich wegläuft, ist die Ehre der Familie erst recht in Gefahr. Keiner darf das erfahren, sie muss so schnell wie möglich gefunden und wieder zurückgeholt werden, es werden die fantastischsten Lügengeschichten erzählt, wo die Tochter sei. Das ist der Zeitpunkt, der für die Mädchen und für uns am gefährlichsten ist. Ein deutsches Sprichwort sagt "Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich gänzlich ungeniert", die Migrantenfamilien, mit denen wir es zu tun haben, sehen das anders: die Ehre kann wieder hergestellt werden, indem die Schuldige - und das ist immer die Frau, selbst wenn sie vom eigenen Onkel, Bruder oder Vater vergewaltigt worden war- bestraft wird.

  • Ehrlos ist nicht der Missbrauch an sich, sondern erst wenn er außerhalb der Familie bekannt wird
  • Ehrlos ist nicht die Zwangsverheiratung der Tochter, sondern erst die Flucht vor dieser Ehe
  • Ehrlos ist nicht das Einsperren und Schlagen eines Mädchens, sondern das Weglaufen aus der Familie, die sie so behandelt
  • Ehrlos ist nicht die Ermordung der Tochter, Schwester oder Cousine, sondern ihr Verhalten, das zum Ehrenmord führte. Türkische und arabische junge Männer scheuen sich nicht, diesen Ehrenkodex in der Schule und sogar vor laufender Kamera im Fernsehen zu propagieren.

Solange es innerhalb der Migrantengemeinde höher geachtet wird, seine Tochter zu verstoßen oder gar zu töten, wenn sie sich den Vorstellungen der Familie nicht fügt als das Selbstbestimmungsrecht der jungen Frauen über ihr eigenes Leben zu respektieren, wird es noch viel Leid für betroffene Mädchen und junge Frauen geben. Wegsehen und falsch verstandene Toleranz wird für sie zum Verhängnis.

Eva K., Leiterin der Kriseneinrichtung für junge Migrantinnen PAPATYA in Berlin

Erschienen am 28.06.2005 in Rheinpfalz Ludwigshafen