zurück

 

 

papatya - anonyme Kriseneinrichtung für Mädchen und junge Frauen mit Migrantionshintergrund
Mädchen mit Mütze Mädchen mit Kopftuch lachendes Mädchen Mädchen mit Kaffetasse lachendes Mädchen Mädchen mit Schleier

Papatya heißt Kamille

Von Svenja Pelzel

In Berlin ist Deutschlands einziges Weglaufhaus für muslimische Mädchen

Adresse und Telefonnummer sind geheim. Wer mit Papatya in Verbindung treten will, muss sich beim Jugendnotdienst melden und wird zurückgerufen. Papatya ist das einzige Weglaufhaus für muslimische Mädchen in Deutschland. Jährlich suchen rund 60 junge Frauen hier Unterschlupf, die meisten sind zwischen 13 und 18 Jahren alt.

Sie kommen, weil ihnen der Schulbesuch oder Freundschaften verboten werden, sie Zuhause endlos schuften müssen, wegen Vernachlässigung, sexuellem Missbrauch durch Brüder, Vater und männliche Verwandte, andauernden, massiven Schlägen, wegen drohender und vollzogener Zwangsverheiratung. Viele leiden unter Mager- oder Fresssucht, haben Selbstmordversuche und Selbstverletzungen hinter sich, Schlafstörungen, Ängste und Psychosen. Nach durchschnittlich vier Monaten geht die eine Hälfte der Mädchen in Heime, eigene Wohnungen und betreute Einrichtungen, die andere Hälfte nach Hause zurück - oftmals nur, um nach kurzer Zeit wieder bei Papatya zu landen.

"Einmal hat er mich auch in die Badewanne geschickt und war nur in Unterwäsche und er hat gleich einen Gürtel genommen und hat mich da geschlagen."
"Ich kann nicht mehr heulen, zu Hause habe ich viel geheult, ich kann nicht mehr."
"Wir sind ein Ort der Besinnung, des Nachdenkens, zur Ruhe finden und Weichenstellen. Wir sind eine Zwischenlösung."
"Für mich war einfach nur eklige Situation. Ich wollte nicht, aber ich musste mit ihm schlafen. Es sind Türken, wenn du nicht mit ihm schläfst, bist du gleich Hure, Schlampe."
"Solange sie in diesen Räumen sind, sind sie absolut sicher. Hier kommt keiner rein!"

"Schönen guten Tag, was soll ich sagen? - Schönen guten Tag, ich bin hier in der Kriseneinrichtung Papatya - oder soll ich einfach sagen Frauenverein - ne, sag Papatya, die kennen uns - okay, dann sag ich so, schönen guten Tag, ich rufe aus Papatya an.".

Dilan hasst telefonieren. Nervös sitzt sie im Büro von Sozialpädagogin Barbara, rutscht auf ihrem Stuhl hin und her, fragt, was genau sie eigentlich sagen soll. Dabei geht es nur um einen verpassten Termin in einer betreuten Mädchen-WG. In diese soll Dilan ziehen, wenn sie hier wieder raus muss. Hier, das ist Papatya, das deutschlandweit einzige Weglaufhaus, das muslimische Mädchen sofort aufnehmen kann. Neun junge Frauen haben in der zweigeschossigen Wohnung Platz, die gut versteckt irgendwo in einem Berliner Hinterhof liegt. Adresse und Telefonnummer sind streng geheim. Wer aufgenommen werden will, muss sich beim Jugendnotdienst melden und wird zurückgerufen. Niemand soll die Mädchen finden, die meisten werden von ihren Familien bedroht und gesucht. Deshalb haben in dieser Geschichte alle Frauen nur Vornamen, zum Teil sind sie erfunden. Dilan also ist 22, Türkin, hübsch, schlank, trägt enge Jeans und T-Shirt, wurde schwanger und hat abgetrieben.

"Meine Mutter hat den Kostenübernahmeschein gesehen. Danach hat sie gesagt, wem gehört das, nicht mir habe ich gesagt, gehört meiner Freundin. Und als ich OP hatte, hat sie mich verfolgt bis Arzt, ist sie reingekommen, danach bin ich wieder mit ihr nach Hause gekommen, hat sie meinem Vater erzählt alles. Danach haben die Ausdrücke gesagt, du Schlampe, Hure, alles Mögliche."

Während Dilan Barbara von ihren Eltern erzählt, blickt die junge Frau immer wieder traurig zum Fenster hinaus. Die Erinnerungen schmerzen. Ein Woche lang haben Vater und Mutter sie angeschrieen, beschimpft, eine Hure genannt. Dilan erträgt es stumm, mit gesenktem Kopf. Irgendwann beschließt ihr Vater, sie nach Stuttgart zu bringen, will die Tochter mit einem völlig fremden Mann zwangsweise verheiraten, um sie und das Problem los zu sein. Doch Dilan haut ab, kommt zu Papatya. Seit ein paar Wochen lebt sie nun im Weglaufhaus. "Am liebsten will ich jetzt eine eigene Wohnung", sagt Dilan und lächelt zu ersten Mal ein bisschen schelmisch in Richtung der Sozialpädagogin. Das Thema ist nicht neu zwischen den beiden. Barbara hat Dilan schon oft erklärt, dass sie noch zu unselbstständig ist, bislang immer nur gemacht hat, was die Eltern wollten, dass es nichts bringt, wenn sie denen vorlügt, verheiratet zu sein, dass sie lieber in eine Wohngruppe mit professioneller Betreuung gehen soll.

"Ich befürchte, dass du dich ein bisschen überforderst, dass du noch ein paar mehr Gespräche brauchst. Das ist alles noch gar nicht geklärt mit deinen Eltern."
"Ja aber, auch wenn ich mit denen hundert Mal rede, kapieren sowieso nichts. Ich kenn doch meine Eltern."
"Trotzdem denke ich, ist es richtig und wichtig, dass du versuchst mit ihnen zu sprechen, darüber, warum du gegangen bist, auch wenn sie nicht zuhören wollen, dann musst' et einfach versuchen, weil ich könnt nicht wieder so anfangen von vorne, weil da ist etwas gewesen, warum du gegangen bist."
"Ja klar, aber meine Mutter versteht nicht."
"Glaubst du, dass sie dir glauben, dass du verheiratet bist?"
"Ja. Meine Mutter meinte, bring deinen Mann her. Ich meinte, der ist nicht da, der arbeitet."
"Aber irgendwann wollen se auch deinen Mann kennen lernen."
"Ja klar, dann sage ich, ich bin geschieden. Mann nein, ich weiß auch nicht, ey."

Barbara ist geduldig mit Dilan, redet weiter mit ihr oder hört einfach nur zu. Geschichten wie ihre hat sie schon oft gehört. Alle 60 muslimischen Mädchen, die jedes Jahr bei Papatya Schutz suchen, erzählen Ähnliches. Die Jüngsten sind 13, die meisten 18 Jahre alt, sie stammen aus der Türkei, Ex-Jugoslawien oder aus arabischen Ländern. Sie kommen, weil ihnen der Schulbesuch oder Freundschaften verboten werden, sie Zuhause endlos schuften müssen, wegen Vernachlässigung, sexuellem Missbrauch durch Brüder, Vater und männliche Verwandte, andauernden, massiven Schlägen, wegen drohender Zwangsverheiratung. Die Mädchen erzählen Barbara Geschichten von Mager- oder Fresssucht, Schlafstörungen, Ängsten und Psychosen. Ein Viertel hat wie Dilan einen Selbstmordversuch hinter sich.

"Seit zwei Wochen bin ich hier, ich konnte kaum heulen, ich kann nicht mehr heulen, glaube ich. Zu Hause habe ich viel geheult, ich kann nicht mehr. Einmal habe ich meinen Vater angerufen, habe ich seine Stimme gehört, danach habe ich angefangen zu heulen. Es sind deine Eltern, wenn auch Scheiße sind, sie sind einfach Blut, Fleisch, du kannst nix machen."

Mit hängenden Schultern sitzt Dilan vor Barbara, erzählt von ihrem Leben. Die Trennung von Eltern und Geschwistern fällt ihr sichtlich schwer. Ein Drittel der Mädchen hier hält den Schmerz nicht aus und geht wieder nach Hause. Auch Dilan hat das erlebt. Vor ein paar Jahren war sie schon einmal bei Papatya und ist wieder zu den Eltern gegangen. Doch dieses Mal ist es endgültig, hofft sie zumindest. Dilans Gespräch mit Barbara ist zu Ende. In der Küche warten schon Aishe und Djana auf sie.

Dilan setzt sich an den langen Küchentisch, hört lachend Djanas alberner Singerei zu, spielt mit ihr und Aishe Karten und hören Musik. Unschuldig, mädchenhaft, wie wohlbehütete Schwestern wirken die drei. Tatsächlich sind bei Papatya Streit und Aggressionen selten. Zum einen, weil die Mädchen alle streng erzogen wurden. Zum anderen sind sie daran gewöhnt, mit Frauen gemeinsam die Zeit in der Küche totzuschlagen.

Wie in jeder WG kleben hier bunte Postkarten an der Wand, stehen Blumentöpfe auf dem Fensterbrett, verschiedene Lebensmittel und Gewürze, umgefüllt in große Gläser, im Regal. Hier hängt die Tafel mit dem Plan der Abwasch-, Küchen-, Blumen- und Wäschedienste, hier wird gemeinsam gegessen und vor allem geredet. Zum Beispiel über Hatun Sürücü, die 23-jährige Türkin, die in Berlin auf offener Straße von ihrem Bruder erschossen wird, nur weil sie ein anderes Leben wollte. Auch für Leiterin Eva, die gerade herein kommt und sich einen Kaffee holt, ist der Tod von Hatun Sürücü ein Thema. Seit damals kommen weniger Mädchen zu Papatya.

"Wir denken auch, es hat mit dem Tod von Hatun Sürücü durchaus zu tun, aber so dass Mädchen sagen, es kann mir genauso gehen. So kann ich auch enden. Ich glaube, da ist eine Angst entstanden, eine größere Angst auch als zuvor, dass es realistisch ist, dass es bis zum Tod gehen kann. Sie war mutig, sie hat sich nicht gebeugt, sie ist noch nicht mal weg aus Berlin, sie hat die Gefahr unterschätzt. Ich denke, es war eine Botschaft an viele, die sich überlegen wegzugehen, so kann's Dir auch gehen."

Dilan, Ayse und Djana haben sich trotzdem getraut, sind weggerannt, sitzen jetzt in der Papatya-Küche, schlagen die Zeit mit Kartenspielen und Musikhören tot. Was so fröhlich klingt, ist nicht ganz leicht für die Mädchen. Zum einen vermissen die drei ihre gewohnte Umgebung, Freunde und Geschwister, zum anderen müssen sie strikte Regeln einhalten: Handys werden abgegeben, Besuche und Telefonanrufe sind absolut verboten. Zur eigenen Sicherheit. Von zwei bis sieben abends ist Ausgang, um sieben wird gegessen, jede muss im Haushalt helfen "und neuerdings wird nur noch auf der Terrasse geraucht", sagt Leiterin Eva, nimmt einen Schluck von ihrem Kaffee und blickt Dilan, die gerade nach draußen geht, nachdenklich hinterher.

"Wir sind schon noch so ein behütendes Haus, wo die Mädchen, die noch nicht mit Freiheit umgehen können auch noch nicht die große Freiheit haben. Das dürfen sie dann gerne hinterher, wenn sie in eine WG ziehen oder in eine Wohnung, wir wünschen ihnen es von Herzen. Aber erst mal müssen sie lernen, mit der Freiheit umzugehen und auch lernen, eigene Grenzen zu setzen, haben sie ja nie gelernt."

Eva hat genug vom Rumgealber der Mädchen in der Küche, zieht sich in ihr Büro zurück. Seit 1986 gibt es Papatya, seit 1994 leitet sie das Weglaufhaus. Sich zurückziehen, sich abgrenzen ist für Eva absolut wichtig. "Die Mädchen sehen in mir schnell einen Mutterersatz, wollen mir die Verantwortung für ihr Leben zuschieben", sagt sie und schließt die Türe hinter sich.

"Diese professionelle Distanz ist das Entscheidende, sonst wird man aufgefressen, weil es ist nie genug, was man tun kann, am liebsten möchten die Mädchen, dass man ihnen ein neues Leben zaubert und das können wir natürlich nicht. Wir sind ein sehr gutes Team, was lange zusammen arbeitet, dass heißt wir können uns sehr gut aufeinander verlassen. Das heißt, wenn ich Feierabend habe, kann ich auch fast alle Geschichten hier lassen und kann darauf vertrauen, dass meine Kolleginnen die Arbeit genauso gut weitermachen. D.h. man kann auch immer wieder aussteigen aus einem Prozess und sich zurückziehen und die anderen machen die Arbeit weiter. Das ist wichtig, weil diese Geschichten kann man gar nicht alleine schultern."

Gemeinsam mit ihren acht deutschen, türkischen und kurdischen Kolleginnen will Eva Vorbild für die Mädchen sein, Stärke und Ruhe vermitteln. "Natürlich trösten wir auch viel und hören stundenlang einfach nur zu" erzählt die Leiterin, während sie gleichzeitig ihre E-Mails abruft. Seit neuestem bieten die Papatya-Frauen eine Online-Beratung an. Unter www.sibel.de beantworten Eva und ihre Kolleginnen täglich mehrere Anfragen zum Thema Gewalt und Zwangsheirat. Häufig mit Erfolg. Nicht alle junge Frauen müssen die Familie gleich verlassen. Mädchen die dennoch bei Papatya landen, bekommen hier gebrauchte Kleidung, Schulsachen, Taschengeld und vor allem Unterstützung. Eva redet mit dem Jugendamt, hilft bei Behördengängen und der Wohnungssuche, vermittelt Gespräche mit den Eltern, und ist bei Gerichtsterminen dabei. Häufig hat sie selbst deswegen Gewalt, Beleidigungen und körperliche Angriffe erlebt. Von der Pistole an der Schläfe, bis zur Entführung im Gerichtssaal und Morddrohungen ist alles schon vorgekommen. Sie und ihr Team haben daraus gelernt, sind immer wachsam. Zwei arabisch aussehende Jungen, die vor der Papatya-Wohnung durch das Treppenhaus laufen, reichen aus, um die Mitarbeiterinnen Gudrun und Barbara in Alarmbereitschaft zu versetzen:

Zum Glück nur falscher Alarm. Nach kurzer Zeit sehen sich Gudrun und Barbara erleichtert an, geben Entwarnung, schicken die nervös gewordenen Mädchen zur Entspannung ins Wohnzimmer Fernsehen. Sollte doch mal was schief gehen, haben die Papatya Frauen einen Notknopf direkt zur Polizei.

"Wir haben ihn immer noch nicht benutzt. Toi toi toi. Aber er beruhigt uns. Es gibt uns auch eine gewissen Souveränität manchmal heikle Situationen auszuhalten, weil wir wissen, wir können diesen Knopf benutzen. Also es gibt schon komische Situationen. Neulich stand ein arabischer Mann vor unserer Tür und fragte nach einem Kindergarten. Und das ist einfach unwahrscheinlich, dass man zu einer Wohnung geht und nach einem Kindergarten fragt."

Meistens setzen die Familien ihre Töchter jedoch mit subtileren Mitteln unter Druck. Leiterin Eva kann schon nicht mehr zählen, wie oft sie irgendwelche Storys gehört hat, von Müttern, die gerade mit einem Herzinfarkt in die Klinik gekommen sind, weil die Tochter weg ist oder von Omas, die im Sterben liegen, von kleinen Geschwistern, die nicht aufhören zu weinen. "Alles gelogen" sagt Eva und verdreht wütend die Augen. Doch die besorgten Töchter lassen sich bluffen, eilen brav zur Familie zurück. Auch die 16-jährige Aishe hat so einer Lüge geglaubt. Während Eva im Büro ihre E-Mails beantwortet, decken sie und Dilan in der Küche gerade den Abendbrottisch.

Etwas lustlos stellen die beiden Mädchen Geschirr und Lebensmittel auf den langen Tisch in der Küche, während sie sich unterhalten. Aishe hat ihren etwas pummeligen Körper unter einer weiten Jogginghose und einem zu großen Schlabberpulli versteckt. die 16-Jährige wirkt dadurch und wegen ihrer runden Kinderaugen noch jünger. Das Gesprächsthema der beiden ist dagegen weniger kindgemäß. Aishe erzählt der älteren Freundin von ihrer Zwangsheirat mit dem Cousin in der Türkei und davon, dass die Eltern versprochen hatten, dass sie nur zum Urlaubmachen mitfliegen sollte.

"Wir sind zum Standesamt gegangen und da halt haben sie gefragt, ob ich diesen Mann will und da wollte ich halt nein sagen, aber da war meine Mutter und mein Vater und halt habe ich dann halt ja gesagt und drei Tage lang war dieses Hochzeitsfest. Ich war da sehr traurig, aber ich musste durch, weil meine Eltern haben mich immer so blöd angeschaut und haben gesagt, los jetzt musst du tanzen und ich hab's auch gemacht."

"In der Hochzeitsnacht" so erzählt Aishe Dilan weiter "hat mich mein Cousin das erste Mal vergewaltigt". Mit Billigung der Eltern.

"Für mich war einfach nur eklige Situation, ich wollte nicht, aber ich musste mit ihm schlafen. Es sind Türken so, wenn du nicht mit ihm schläfst, bist du gleich ne Hure, Schlampe, schicken dir gleich deinen Vater und dein Vater macht dann, weiß ich was. Ich musste halt. Es war so eklig, mit ihm zu schlafen diesen Tag. Ich habe gesagt, mein Körper ist jetzt bestimmt voll mit Dreck. Ich musste halt. Ich war dann aber auch sehr froh, wenn ich in Berlin war und nicht mehr bei ihm. Aber trotzdem muss ich ja wieder hin und wenn's Ferien waren, das fing dann wieder an."

Auch jetzt verzieht sich Aishes Gesicht vor Ekel und Trauer, als sie an die regelmäßigen Ferien-Vergewaltigungen denkt. Dieser Ekel führt fast dazu, dass sich Aishe nach der Hochzeitsnacht umbringt. Doch ein bisschen Selbsterhaltungstrieb bleibt dem Mädchen. "Wegen diesem Typen" wie sie ihn nennt, wird sie nicht sterben und auch nicht schwanger werden. Gegen den Willen ihrer Familie nimmt Aishe die Pille.

"Ich habe selber verhütet. Ich habe Pille genommen, weil er wollte erst Kind haben und ich wollte das nicht, weil es noch zu früh war und dann er das seiner Mutter erzählt, dass ich Pille nehme und so alles. Und ich habe gesagt, ich möchte kein Kind, ist noch zu früh und außerdem, was soll ich jetzt mit Kind anfangen, was soll ich ihm jetzt geben, ich bin selber ein Kind. Also mir war auch da in dieser Situation egal, ob die sauer sind oder nicht, ich habe einfach nein gesagt, ich möchte nicht."

Während Aishe Dilan von ihrer Vergewaltigung und Zwangsheirat erzählt, haben die beiden Mädchen nebenbei den Tisch fertig gedeckt und die anderen zum Abendbrot gerufen.

Beim gemeinsamen Essen dreht sich das Gespräch weiter um Zwangsheirat, Selbstmordversuche und natürlich um die Familien. Vor allem der Kampf mit ihren Müttern macht den Mädchen zu schaffen. Aishe wird richtig blass und hört sogar mit dem Essen auf, als sie den anderen von der peinlichen Geschichte neulich bei Gericht erzählt. Ihre Mutter schubst plötzlich eine der Papatya-Frauen und wird ausfallend. Die anderen am Tisch nicken verständnisvoll, haben Ähnliches erlebt.

"Sie hat mich so beleidigt mit ihre Sprüche, die ich nie von ihr gehört habe. Schlampe, Hure, dass ich mich ficken lassen soll, dass die mich alle ficken sollen, egal wer und ich habe noch nicht von ihr gehört so mir gegenüber. Und seitdem ist sie für mich gestorben. Ich kann auch so leben ohne Mutter."
"Die denken nur, was die anderen Leute sagen, die denken nicht, was die Kinder fühlen, nur andere Männer und andere Leute. Die sind solche - Fotzen manchmal, weißt du, ja ist so. Meine Mutter war auch so. Aber nein, die Männer sind wichtiger."

An diesem Abend sprechen die Mädchen noch lange über das Thema Männer und Familie. Ihnen allen stinkt es gewaltig, dass sie für etwas verantwortlich gemacht werden, wofür sie eigentlich nichts können: für sämtliche Probleme ihrer Familien. Egal, ob der Vater früher verfolgt und gefoltert wurde, heute säuft, die Mutter schlägt und arbeitslos ist, die Brüder die Schule abgebrochen haben, keine Lehrstelle kriegen, die Familie kurz vor einer Trennung steht, die Verwandten Zuhause meckern - immer sollen sie die vermeintliche Familienehre mit absolutem Gehorsam retten. Dabei wollen sie doch nur ein eigenes Leben führen. Doch zum Glück gibt es für die Mädchen einen Ausweg: Papatya.

Szenenwechsel.

Seit dem Abendessen bei Papatya sind einige Monate vergangen. Aishe wohnt jetzt in einer betreuten Jugendeinrichtung in Berlin. Dilan ist ebenfalls von Papatya weg in eine eigene Wohnung gezogen, hat die Einsamkeit und die ungewohnte Freiheit aber nicht ausgehalten und ist zum zweiten Mal in ihrem Leben zurück nach Hause. Bei Papatya weiß niemand, was aus der 22-Jjährigen geworden ist. Auch für Aishe ist der Umzug schwer.

"Ich war ja vier Monate bei Papatya und auf einmal sollte ich doch weg und hierher kommen. Ich wollte nicht, ich wollte da bleiben und so nee, ich will doch nicht gehen, ich will bei euch bleiben. Und die so, doch, du musst mal irgendwann gehen, jetzt ist auch die Zeit, ich so, nee, ich will da bleiben, die so, nee jetzt gehste doch, ich so, jaa, da musste ich doch herkommen. Und ab und zu habe ich die vermisst und nächsten Tag habe ich die besucht, wo ich hier war und dann meinten die, wir könnten uns jede Zeit besuchen und dachte ich, ich muss halt da mit durch."

Aishe fühlt sich mittlerweile wohl, lebt gerne hier. Das ganze Mädchen lacht mehr, wirkt fröhlich, fast wie ein normaler Teenager. In ihrem Zimmer, das sie mit einer anderen teilt, hat sie bunte Poster von Popstars an die lila gestrichenen Wände geklebt, mit der Zimmergenossen und den anderen Mädchen im Haus Freundschaft geschlossen. Dennoch denkt sie häufig daran, nach Hause zurück zu kehren. Aus ihrem kindlichen Gesicht verschwindet schlagartig alle Fröhlichkeit, als sie vom letzten Gerichtstermin erzählt. Damals wurde ihren Eltern das Sorgerecht entzogen, damals hat sie Vater und Mutter das letzte Mal gesehen.

"Wo ich dann halt meinen Vater da gesehen habe, er war richtig blass und richtig traurig gewesen und er hat sich auch bei mir entschuldigt, er meinte so, ich entschuldige mich bei meiner Tochter und dann habe ich natürlich angefangen zu heulen. Ich wusste nicht, was ich sagen soll, ich sollte eigentlich so ein bisschen reden, aber ich habe es nicht gemacht, weil ich in dann raus gegangen und dann kam auch meine Betreuerin und dann hat sie mich ein bisschen getröstet und haben wir ein bisschen darüber geredet."

Auch jetzt redet Aishe gerade mit ihrer Betreuerin Yvonne. Die Sozialarbeiterin sitzt mit ihr auf einem Sofa im WG-Wohnzimmer, blickt das Mädchen freundlich an, spricht leise, tröstende Worte und gibt Ratschläge. Sobald Aishe wieder davon anfängt, nach Hause zurück zu gehen, erinnert sie an die Vergewaltigungen durch den Cousin, die Beschimpfungen der Eltern.

"Also ich denke mal, die großen Probleme sind einfach, die Ablösung von Zuhause, dass sie jemand auf der Straße treffen, die Fragen in der Schule, wie lebst du jetzt, was machst du jetzt und einfach auch so allgemeine Sachen und Sachen von Konzentration, dass sie in der Schule nicht so fit sind, nicht so aufnahmefähig und dann einfach auch von den Leistungen her auch abfallen, das sind oft große schulische Probleme die dazu kommen."

Yvonne will Aishe helfen, diese Probleme, die unweigerlich noch auf das Mädchen zukommen, zu lösen. Sie will aus ihr einen selbstständigen und selbstbewussten Menschen machen.

"Man merkt, die Mädchen sind so was von unselbstständig, sie können zwar kochen, aber sie haben kein Selbstbewusstsein. Man muss sie erst mal enorm stärken und ihnen sagen, du hast die Rechte, du darfst dich wehren, du darfst nein sagen, du darfst auch sagen, ich steh nicht immer zur Verfügung. Das sind diese grundsätzlichen Sachen, die für uns selbstverständlich sind. Auch zu diskutieren, den Mund aufzumachen, sich Kleidung zu kaufen, auszusuchen wo man hingehen will, das sind wirklich die elementarsten Sachen einfach."

Beibringen muss Yvonne Aishe noch sehr viel. Aber zuerst einmal muss sie das Mädchen trösten. Sanft nimmt die junge Frau Aishe in den Arm, streichelt ihr über die langen schwarzen Haare, hört einfach nur zu.

"Ich bin dann in diesem Moment traurig und auch kommt dieser Wut, wieso mir die das angetan haben und warum, was für einen Grund soll das haben, ich war doch euer Tochter und bin immer noch und was habt ihr gegen mich so halt so."

Erschienen am 21.09.2008 in Deutschlandradio Kultur