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papatya - anonyme Kriseneinrichtung für Mädchen und junge Frauen mit Migrantionshintergrund
Mädchen mit Mütze Mädchen mit Kopftuch lachendes Mädchen Mädchen mit Kaffetasse lachendes Mädchen Mädchen mit Schleier

Wie eine junge Kurdin vor der Zwangsehe flüchtete

Donnerstag, 28. Oktober 2010 12:08 – Von Anne Klesse

Mit Gesetzesänderungen will die Bundesregierung gegen erzwungene Eheschließungen vorgehen. Zwangsheiraten gelten künftig als Straftat und können mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden. Damit sollen Mädchen wie Samira besser geschützt werden.

Draußen ist es dunkel, im Haus alles still, als Samira die Treppe herunter schleicht. Sie weiß, wenn sie jetzt jemand entdeckt, ist ihr Plan dahin. Die Tür zum Elternschlafzimmer ist einen Spalt geöffnet, wie immer. Nichts zu hören. Samira dreht den Schlüssel im Schloss. Kalte Nachtluft schlägt ihr entgegen. Sie zieht die Haustür hinter sich zu. Dann ist sie weg. Samira, 19 Jahre alt, kleine Statur, lange schwarze Locken, braune Augen, war bis zu diesem Tag immer brav gewesen. Hatte immer getan, was man von ihr verlangte: Geputzt, Essen gemacht, eingekauft. Ihre Schulnoten waren gut gewesen, ohne große Mühe hatte sie den Realschulabschluss geschafft. Nie hatte sie sich mit Jungs getroffen. Nicht einmal mit Freundinnen. Nach der Schule sofort nach Hause, das war eine der Regeln. Es gab viele. Eine andere war: Töchter haben den Eltern zu gehorchen. Immer.

Selbst heute, im 21. Jahrhundert, gibt es noch Eltern, die meinen, das Recht zu haben, den Ehepartner ihres Kindes bestimmen zu dürfen. Eine Sozialarbeiterin der Berliner Organisation Papatya, die hauptsächlich jungen Migrantinnen hilft, die vor ihren Familien fliehen, sagt: „Es sind patriarchalisch geprägte Strukturen, in denen eine Familie an Ansehen gewinnt, wenn die Tochter an einen Jungen aus ‚guter’ Familie verheiratet wird. Aus Gefälligkeit gegenüber der Verwandtschaft oder um Vermögen und Besitz im Clan zu halten, wird die Tochter gern mit einem Cousin vermählt.”

Das Mädchen muss bei der Hochzeit noch Jungfrau sein, alles andere würde in solchen Gemeinschaften als unehrenhaft gelten. Die Ehre der Familie wird einerseits über das starke Familienoberhaupt, andererseits über das Verhalten der Frauen definiert. „In Zeiten von Hartz IV, in denen viele Männer ihre Familie nicht selbst ernähren, also nicht Versorger im eigentlichen Sinne sind, bleibt oft nur die Kontrolle der weiblichen Familienmitglieder als ehrestiftendes Merkmal, an dem dann umso mehr festgehalten wird, als eine Art letzte Bastion“, sagt die Sozialarbeiterin, deren Name nicht in der Zeitung stehen soll. Manche ihrer Klientinnen sind in so großer Gefahr, dass sowohl Adressen von Zufluchtswohnungen, als auch Namen von Mitarbeiterinnen streng geheim sind.

Samiras Eltern, türkische Kurden, waren vor Jahrzehnten nach Deutschland gekommen, um hier in Frieden zu leben. Sie bekamen fünf Kinder, drei Jungen, dann Samira und ihren Zwillingsbruder. Der Vater arbeitete in ihrem Dorf im Saarland als Busfahrer, die Mutter versorgte die Kinder zu Hause. Samira half im Haushalt, ordnete sich unter, ohne weiter darüber nachzudenken. Recht machen konnte sie es der Mutter aber nie, sagt sie jetzt, im Nachhinein. „Immer gab es Stress, ständig wurde ich angeschrien.” Auch mit den Brüdern habe sie nicht wirklich sprechen können. Nach der Arbeit wurde gegessen, dann verschwand jeder in sein eigenes Zimmer. „Jeder hat für sich gelebt, die Familie wohnte zwar in einem Haus, aber wir hatten nichts miteinander zu tun.“ Die schönen Momente waren die, wenn sie sich abends zum Vater vor den Fernseher setzte. Auch dann wurde nicht geredet, aber immerhin waren die beiden zusammen. Mit ihren Problemen wollte sie ihn nicht behelligen. Dabei hätte sie ihn gern gefragt, ob sie mal ihre Cousinen besuchen dürfte. Oder ein Eis essen gehen mit Schulkameradinnen. Aber sie traute sich nicht.

Nach der Schule dauerte es einige Zeit, bis Samira eine Lehrstelle fand. Eine, für die sie in ihrem Heimatdorf wohnen bleiben konnte. Alles andere hätten die Eltern nicht erlaubt. Im Herbst 2009 begann sie in einer Apotheke ihre Ausbildung zur pharmazeutisch-kaufmännischen Angestellten. Die Arbeit machte ihr Freude, endlich mal ein bisschen Freiheit, ein paar Stunden am Tag keine Kontrolle durch die Mutter. Aber jedes Mal, wenn sie etwas später nach Hause kam, weil so viel zu tun gewesen war, sei sie ausgefragt worden: Wo warst du? Mit wem warst du unterwegs? „Sie hatte den Verdacht, dass ich mich mit Jungen treffe“, sagt Samira. „Dabei würde ich so etwas nie tun, so eine bin ich nicht.” Sich mit Jungs treffen, so was tun nur Schlampen. Manche Dinge sind auch Monate nach ihrer Flucht noch tief in ihrem Denken verankert.

Noch in der Probezeit wurde sie gekündigt, die Chefin warf ihr vor, unkonzentriert zu sein. „Es war einfach alles zu viel. Der ständige Ärger zu Hause, das hat mich nicht losgelassen”, sagt Samira rückblickend.

Angst vor der eigenen Familie

In der vielen Freizeit, die sie plötzlich hatte, blieb sie meist zu Hause und plante für ihren zweitältesten Bruder dessen Hochzeit. Lob gab es dafür keines, dafür habe die Mutter eines Tages voller Abscheu gesagt: „Bevor dein Bruder heiratet, will ich dich erst mal loswerden.“ Samira war schockiert. Und verletzt. Loswerden ist ein hartes Wort. An Heirat hatte sie bis jetzt noch nie gedacht, sie war ja noch nicht einmal verliebt gewesen. Doch die Mutter wiederholte es immer wieder, über Monate. Den passenden Bräutigam hatte sie sich auch schon überlegt: Samira solle einen Cousin heiraten. „Du hast sowieso keinen besseren verdient”, habe einer ihrer Brüder gesagt. Ob ihre Familie die Drohung wahr gemacht und sie mit Zwang verheiratet hätte, darüber ist sich Samira bis heute nicht sicher. „Vertrauen habe ich zu denen nicht“, sagt sie. Sie habe Angst vor ihrer Familie.

Bei Papatya bitten immer jüngere Mädchen um Hilfe. „Zwangsheirat ist teilweise schon bei Zwölfjährigen Thema”, sagt die Sozialarbeiterin. Mädchen und Frauen zwischen 13 und 21 Jahren werden aufgenommen. Für die jüngeren ist der Kinder- und der Jugendnotdienst zuständig, für die älteren gibt es andere Beratungsstellen. 60 bis 70 Klientinnen kommen zurzeit jährlich für durchschnittlich vier bis fünf Wochen in den Zufluchtswohnungen von Papatya unter, um von dort aus an andere Wohneinrichtungen weitervermittelt zu werden. 70 Prozent der aufgenommenen Mädchen seien 2009 wegen einer drohenden oder schon vollzogenen Zwangsverheiratung vor ihrer Familie geflohen, heißt es bei Papatya. Bundesweit, so die Schätzung, sind mehr als 10.000 Mädchen und Frauen in Deutschland davon betroffen.

„Noch viel mehr Mädchen leben unfrei, werden von ihren Vätern und Brüdern auf Schritt und Tritt kontrolliert. Viele erleben körperliche Gewalt, werden nicht gehört. Irgendwann bekommen sie einen Mann zur Seite gestellt, damit gibt die Familie dann die Verantwortung an die Schwiegerfamilie ab.” Diejenigen, die den Schritt wagen und ihre Familie verlassen, bekommen nicht selten Morddrohungen. Etwa jede dritte Klientin hält dem Druck nicht stand und kehrt zurück. Was aus ihnen wird, ist ungewiss. Drei der Mädchen, die seit der Gründung des Vereins 1986 bei Papatya Schutz suchten, wurden später von Familienmitgliedern getötet. Was passieren würde, wenn Samiras Familie herausfände, wo die Tochter lebt – Samira mag nicht darüber nachdenken. Die Sozialarbeiterinnen haben dafür gesorgt, dass sie an einem geheimen Ort untergekommen ist und es eine behördliche Auskunftssperre gibt.

Rückkehr kommt nicht in Frage

In der Nacht ihrer Flucht schaffte sie es bis in die nächste große Stadt. Am nächsten Tag klingelte ihr Handy, der Vater war dran. Samira erinnert sich, dass er sagte: „Ich gebe dir eine Chance. Du kannst jetzt sofort nach Hause kommen. Es wird dir nichts passieren. Aber wenn du nicht kommst, brauchst du gar nicht mehr kommen.” Samira wusste, sie hatte richtig gehandelt. Sie wollte weiter, nach Berlin, „weil das weit genug weg ist.” Hier angekommen schrieb der Bruder, dessen Hochzeit sie wochenlang geplant hatte, in einer SMS: „Ich finde dich…” Auch die Mutter rief sie an, war netter als sonst, versuchte, sie mit Versprechungen nach Hause zu locken. Aber Samira blieb hart. Sie hat jetzt Freundinnen, einen neuen Ausbildungsplatz. Und sie ist in Sicherheit. Manchmal vermisse sie die Fernsehabende mit dem Vater. Zurückkehren kommt nicht in Frage. „Ich bin gegangen mit dem Gedanken, dass ich sie nie wieder sehen werde.”